Königsberg, den 5ten Julii 2026.

Wohlgeborner Herr spookyuser,

insonders hochzuehrender Herr!

Dero werthes Schreiben, welches über einen so weiten Zwischenraum der Zeiten zu mir gelangt ist, hat mir ein Vergnügen gemacht, dergleichen mir sonst nur die Mittagsgesellschaft gewährt; und da Sie eine Gewissensfrage aufwerfen, die meine eigenen Schriften wider Sie ins Feld zu führen scheint, so will ich mich der Beantwortung nicht entziehen.

Sie beschreiben mir ein Gesellschaftsspiel, Blood on the Clocktower (Blut am Glockenthurme) genannt, dessen Einrichtung folgende ist: In einem erdichteten Dorfe hat sich ein Dämon nebst seinen Gehülfen unter die Bürgersleute gemischt. Einem jeden Mitspielenden wird von einem Erzähler, der das Ganze leitet, ins Geheim eine Rolle zugetheilt: die guten Bürger suchen bei Tage durch Fragen, Schlüsse und Stimmenmehrheit (welche gar auf eine Hinrichtung geht — doch geschieht dies, wie ich höre, blos im Schein, und niemand büßt dabei mehr ein als seinen Stuhl am Tische) den Dämon zu entdecken; dieser aber und seine Diener müssen, um nicht entdeckt zu werden, über ihre Rolle geradezu Unwahres behaupten; ja selbst den Guten ist es nach der Regel des Spiels erlaubt und oft rathsam, ihre Rolle zu verheimlichen oder falsch anzugeben. Nun fragen Sie: ob solches Lügen im Spiele sittlich erlaubt sei?

Ich begreife wohl, warum Ihnen die Sache anstößig scheint; denn Sie halten mir, und zwar mit gutem Fug, meine eigenen Sätze vor. Habe ich nicht geschrieben, Wahrhaftigkeit in Aussagen sei „formale Pflicht des Menschen gegen jeden, es mag ihm oder einem andern daraus auch noch so großer Nachtheil erwachsen",1 und es sei „ein heiliges, unbedingt gebietendes, durch keine Convenienzen einzuschränkendes Vernunftgebot: in allen Erklärungen wahrhaft (ehrlich) zu sein"?2 Habe ich nicht in der Tugendlehre die Lüge „Wegwerfung und gleichsam Vernichtung seiner Menschenwürde" genannt und hinzugesetzt, sie bedürfe es gar nicht, anderen schädlich zu sein, um für verwerflich erklärt zu werden?3 Wie sollte denn ein Spiel erlaubt sein, dessen ganzes Wesen die Verstellung ist, und in welchem obenein der Dämon — den die Schrift „den Lügner von Anfang und den Vater der Lügen" nennt4 — als Hauptperson auftritt?

Allein, mein werther Freund, hier muß man nicht bei dem Worte, sondern bei dem Begriffe anfragen. Was ist eine Lüge? Sie ist eine „vorsetzlich unwahre Declaration gegen einen andern Menschen".5 Eine Declaration aber ist eine Aussage, auf deren Wahrhaftigkeit der andere sich verlassen darf und soll; darum eben schadet die Lüge „jederzeit einem anderen, wenn gleich nicht einem andern Menschen, doch der Menschheit überhaupt": sie macht, „daß Aussagen (Declarationen) überhaupt keinen Glauben finden", und macht so die Rechtsquelle unbrauchbar.5 In Ihrem Dorfe am Glockenthurme aber haben sämmtliche Mitspielende, ehe noch ein Wort gefallen, aus Freiheit in eine Verabredung gewilligt, nach welcher die Reden, so das Spiel betreffen, gar nicht als Declarationen gelten sollen. Wer da spricht: „ich bin nicht der Dämon", der erklärt nicht seine Gedanken, sondern thut einen Zug im Spiele, so wie der Schachspieler einen Bauern vorrückt, um den Läufer zu verbergen; und niemand wird betrogen, weil ein jeder weiß, daß hier niemand aufrichtig zu reden versprochen hat.

Ich habe dergleichen schon in meiner Anthropologie den erlaubten Schein genannt: die Menschen nehmen im Umgange mancherlei Schein an, „ohne irgend jemand dadurch zu betrügen, weil ein jeder Andere, daß es hiemit eben nicht herzlich gemeint sei, dabei einverständigt ist".6 Der Schauspieler, der auf der Bühne den Bösewicht giebt, lügt nicht; und Ihre Mitspielenden sind, mit Ihrer und aller Bewilligung, für einen Abend nichts anderes als Schauspieler, die ihre Rolle nur nicht vom Zettel, sondern aus dem Stegreife spielen. Auch in der Tugendlehre habe ich unter den casuistischen Fragen angemerkt, daß eine Unwahrheit aus bloßer Höflichkeit — etwa der „ganz gehorsamste Diener" am Ende eines Briefes — schwerlich für Lüge gehalten werden kann: „Niemand wird ja dadurch betrogen."7 Und in der Rechtslehre habe ich erinnert, daß im rechtlichen Sinne nur diejenige Unwahrheit Lüge heiße, „die einem anderen unmittelbar an seinem Rechte Abbruch thut".8 An welchem Rechte aber wird der Mitspieler gekränkt, der eben dazu sich an den Tisch gesetzt hat, hintergangen zu werden, und dem dieses Hintergehen das Vergnügen des Abends ausmacht?

Wollen Sie die Probe nach meiner Vorschrift machen, so fragen Sie Ihre Maxime: „ich soll niemals anders verfahren als so, daß ich auch wollen könne, meine Maxime solle ein allgemeines Gesetz werden."9 Ihre Maxime lautet: in einem Spiele, dessen Regel die Verstellung erlaubt und in welches alle aus Freiheit gewilligt haben, will ich meine Rolle falsch angeben, um zu gewinnen. Kann sie als allgemeines Gesetz gedacht und gewollt werden? Allerdings; ja das Spiel besteht nur dadurch, daß jedermann so verfährt und jedermann es weiß. Hierin liegt der ganze Unterschied vom falschen Versprechen, das ich in der Grundlegung geprüft habe: dieses vernichtet, allgemein gemacht, das Zutrauen, von welchem es zehrt, und hebt sich also selbst auf;9 Ihre Spielrede aber zehrt von gar keinem Zutrauen, sondern von dem allseitig gewußten und gewollten Mangel desselben, und kann sich also nicht widersprechen. Auch braucht dabei keiner den anderen als bloßes Mittel; denn den Zweck des Spiels haben sich alle gemeinschaftlich gesetzt, und ein jeder bleibt Mitgesetzgeber der Regel, unter der er hintergangen wird.

Drei Erinnerungen jedoch gebe ich Ihnen mit an den Tisch. Erstlich: die Einwilligung mißt die Grenze des Erlaubten genau ab. Was außerhalb der Spielverabredung gesagt wird, ist Declaration und bindet nach aller Strenge. Wer also, um zu gewinnen, bei seiner wirklichen Ehre schwört, seine Freundschaft zum Pfande setzt oder über Dinge außer dem Spiele Unwahres vorgiebt — der lügt in der That; denn dazu hat niemand gewilligt, und er entlehnt das Zutrauen des Lebens, um es im Spiele zu verthun. Zweitens: bleiben Sie redlich gegen sich selbst; die innere Lüge ist von keiner Spielregel gedeckt.3 Wer sich einredet, er verstelle sich „nur im Spiele", indeß er den Hang zur Gleisnerei in sich großzieht und ihn nachher in Geschäften brauchet, der hat den obersten Grundsatz der Wahrhaftigkeit an der faulen Stelle angegriffen. Drittens: hüten Sie sich vor der Leidenschaft; denn im Spiele glauben zwei Streiter, sie spielen unter sich, „in der That aber spielt die Natur mit beiden".10 Doch will ich nicht verhehlen, daß ein solches Spiel, als ein „bloßes, an sich zweckloses Spiel in einem friedlichen Kampfe", wohl gar „Cultur des Gemüths" bewirkt:11 es übt den Scharfsinn, die Menschenkenntniß und die Kunst, aus Mienen und Reden auf das Verborgene zu schließen — lauter Talente, deren Anbau Ihnen sogar zur Pflicht gereicht.

Spielen Sie also getrost, mein Herr, und geben Sie den Dämon oder die Wäscherin, wie das Loos es fügt. Nicht der ist der Lügner in Ihrem Dorfe, der seine Rolle verleugnet, sondern allein der wäre es, der das Spiel zum Deckmantel wirklicher Unredlichkeit machte. Die Wahrhaftigkeit ist unbedingte Pflicht in allen Erklärungen; wo aber, nach dem einstimmigen Willen aller, gar nicht erklärt, sondern gespielt wird, da ist der Schein kein Widerspiel der Wahrhaftigkeit, sondern ihr unschuldiger Feiertag.

Ich verharre — und da Sie nunmehr wissen, daß eine Höflichkeitsformel niemanden betrügt, darf ich es ohne Gewissensskrupel schreiben —

Ew. Wohlgeb.
ganz gehorsamster, gleichwohl wahrhaftiger Diener
I. Kant. P. S. Daß Ihre Dorfgemeinde täglich einen der Ihrigen durch Stimmenmehrheit hinrichtet, will ich hier nicht rechtlich prüfen; das bloße Faktum beweist wieder, wie sehr die Menschen, je civilisirter, desto mehr Schauspieler sind.6


Belegstellen (Akademieausgabe)

  1. AA 08:426Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen (1797).
  2. AA 08:427 — ebd.
  3. AA 06:429–431Metaphysik der Sitten, Tugendlehre § 9: „Von der Lüge"; „bedarf es auch nicht anderen schädlich zu sein" (06:430); zur inneren Lüge und der „faulen Stelle" (06:430 f.).
  4. AA 06:431 — Tugendlehre § 9, Anmerkung („den Lügner von Anfang und den Vater der Lügen").
  5. AA 08:426 — „Die Lüge also, bloß als vorsetzlich unwahre Declaration gegen einen andern Menschen definirt…"; „daß Aussagen (Declarationen) überhaupt keinen Glauben finden".
  6. AA 07:151Anthropologie in pragmatischer Hinsicht § 14: „Von dem erlaubten moralischen Schein"; „Die Menschen sind insgesammt, je civilisirter, desto mehr Schauspieler".
  7. AA 06:431 — Tugendlehre, Casuistische Fragen („der ganz gehorsamste Diener am Ende eines Briefes… Niemand wird ja dadurch betrogen").
  8. AA 06:238 Anm.Rechtslehre: Lüge im rechtlichen Sinne nur als Unwahrheit, „die einem anderen unmittelbar an seinem Rechte Abbruch thut" (falsiloquium dolosum).
  9. AA 04:402 f.Grundlegung zur Metaphysik der Sitten: Formel des allgemeinen Gesetzes und die Prüfung des falschen Versprechens.
  10. AA 07:275 — Anthropologie, über Schach-, Karten- und Glücksspiel: „in der That aber spielt die Natur mit beiden".
  11. AA 07:152 — Anthropologie § 14: Spiel als „friedlicher Kampf", der „Cultur des Gemüths" bewirkt.